Ein Netzwerk für rassismuskritische Schulen in Freiburg
26.05.2026

Réseau Vers une école sans racisme

 
Im Kanton Freiburg ist aus einem konkreten Bedürfnis von Lehrpersonen ein zweisprachiges Netzwerk entstanden: «Vers une école sans racisme». Es verbindet Weiterbildung, Austausch und institutionelle Zusammenarbeit und zeigt, wie Schulen auf dem Weg zu einer rassismuskritischen Schulkultur unterstützt werden können.

Wie reagiert eine Schule, wenn rassistische Ausdrücke fallen? Wie lässt sich Rassismus mit Kollegen und Kolleginnen oder Eltern ansprechen? Und was bedeutet es, Rassismus nicht nur als Einzelfall, sondern als strukturelle Realität im Bildungsbereich ernst zu nehmen?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich Lehr- und Fachpersonen im Kanton Freiburg im Netzwerk «Vers une école sans racisme». Getragen wird das Netzwerk von den Unterrichtsämtern der Regel- und Sonderschulen, der Fachstelle für die Integration der MigrantInnen und für Rassismusprävention sowie von weiteren Partnerinnen aus Hochschule und Antirassismusarbeit.

Mélissa Girardet (Universität Fribourg, Departement für Lehrpersonenbildung), Brigitte Gong und Lisa Wyss (Fachstelle für die Integration der MigrantInnen und für Rassismusprävention (IMR)) sind Teil der Arbeitsgruppe «Netzwerk rassismuskritische Schule» Kanton Freiburg und beschreiben das Netzwerk als eine Initiative, die aus der Praxis entstanden ist und genau dort wieder ansetzen soll.

Der Auslöser: ein klares Bedürfnis aus den Schulen

Der konkrete Ausgangspunkt liegt im Jahr 2022. Im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus besuchten 96 Schulklassen der Sekundarstufen I und II die Ausstellung «Wir und die Andern – vom Vorurteil zum Rassismus» im Museum für Kunst und Geschichte Freiburg. Die Ausstellung wurde vom Pariser Musée de l’Homme übernommen und an schweizerische sowie kantonale Gegebenheiten angepasst.

Die Rückmeldungen der Lehrpersonen waren deutlich: Es bestand ein grosses Bedürfnis nach mehr Wissen, nach Werkzeugen für den Schulalltag und nach Austausch mit anderen Lehrpersonen. Gefragt war nicht nur punktuelle Sensibilisierung, sondern eine längerfristige Auseinandersetzung mit antirassistischer und diskriminierungskritischer Bildung.

Weiterbildung als Herzstück des Netzwerks

Das Freiburger Netzwerk setzt deshalb auf Weiterbildung über ein ganzes Schuljahr hinweg. Fünf Weiterbildungsanlässe von je zweieinhalb Stunden vermitteln Grundlagen. Gleichzeitig werden konkrete Handlungsansätze für eine rassismuskritische Schule entwickelt. Wichtig ist dabei der bedürfnisorientierte Ansatz: Die Fragen der Teilnehmenden werden aufgenommen und im Verlauf der Weiterbildung vertieft.

Für die Arbeitsgruppe «Vers une école sans racisme» ist Weiterbildung zentral, weil das Bewusstsein für Rassismus im Bildungsbereich und aktuelle Wissensbestände zum Thema institutionell bislang kaum gefördert wurden. Lehr- und Fachpersonen sollen Rassismus erkennen lernen, adäquater darauf reagieren und ihn mittels konkreter Aktionen bekämpfen können. Dabei geht es auch um eine Lücke: Rassismuskritische Pädagogik ist im Schulalltag gefragt, aber noch nicht selbstverständlich verankert.

Die Wirkung des Netzwerks verstehen die Verantwortlichen deshalb zunächst als Bewusstseins-Schaffung. Die Teilnehmenden sollen als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in ihrem Wirkungsraum auf Rassismus aufmerksam machen und rassismuskritische Perspektiven in ihre Schulen tragen.

Was eine rassismuskritische Schule konkret bedeutet

Eine rassismuskritische Schule beginnt für die Freiburger Arbeitsgruppe nicht erst beim Reagieren auf Vorfälle. Sie wirkt auf der institutionellen und die pädagogischen Ebene.

Auf institutioneller Ebene bedeutet sie, die strukturelle Dimension von Rassismus und die damit verbundenen Machtverhältnisse anzuerkennen. Dazu gehört: Lehrpersonen zu Information und Weiterbildung zu ermutigen, Verfahren im Umgang mit Diskriminierung zu entwickeln und Rassismus innerhalb der ganzen Schule sichtbar zu machen und zu thematisieren.

Auf pädagogischer Ebene heisst rassismuskritische Schule, Rassismuskritik als Referenzkonzept zu nutzen, um die Welt zu denken und zu verstehen. Eine rassismuskritische Perspektive fragt deshalb immer auch: Wer wird mitgedacht? Wer wird sichtbar? Wer bleibt ausgeschlossen?

Rassismuskritik als Lernprozess

Viele Teilnehmende bringen ähnliche Fragen mit: Wie lässt sich der moralisierende Satz «Rassismus ist nicht gut» überwinden und stattdessen eine antirassistische Praxis entwickeln? Wie spricht man mit Kolleginnen oder Eltern, die rassistische Aussagen gemacht oder sich rassistisch verhalten haben? Wie geht man mit Widerständen im Kollegium oder in der Schulleitung um?

Im Verlauf der Weiterbildung verschieben sich die Fragen. Dann geht es auch darum, wie man mit eigenen impliziten Vorurteilen, der eigenen Voreingenommenheit umgeht und wie man vermeiden kann, rassistische Aussagen oder Handlungen zu wiederholen. Genau hier setzt die Weiterbildung nicht mit fertigen Rezepten an, sondern mit Reflexion, Wissen und gemeinsamer Auseinandersetzung.

Als besonders hilfreich beschreiben die Verantwortlichen Modelle, die den antirassistischen Lernprozess sichtbar machen – etwa in Anlehnung an «Becoming anti-racist» oder an die von Tupoka Ogette beschriebenen Schritte aus «Happyland». Solche Zugänge helfen, Druck und Scham zu reduzieren. Sie machen deutlich: Rassismuskritik ist ein Lernprozess. Zentral ist die reflektierte Haltung gegenüber Rassismus, auch dem eigenen.

Strukturelle Fragen sichtbar machen

Ein zentrales Anliegen des Netzwerks ist es, Rassismus nicht nur als Einzelfall zu behandeln. Dafür braucht es eine Klärung dessen, was struktureller Rassismus bedeutet: seine historische Verankerung, seine Verbindung mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen, in denen «weiss» gelesene Menschen bevorzugt werden – meist, ohne dass dies bewusst wahrgenommen wird – und seine Wirkung im Schulalltag.

Struktureller Rassismus zeigt sich nicht nur in offensichtlichen Vorfällen. Er kann in Lehrmitteln sichtbar werden, in administrativen und pädagogischen Massnahmen, in anderen Erwartungen gegenüber bestimmten Schülerinnen und Schülern, in der Auswahl von Büchern in der Bibliothek, in Liedern, Geschichten oder in der Gestaltung des Klassenzimmers. Gerade deshalb braucht es Austausch und Weiterbildungen, in denen Lehr- und Fachpersonen gemeinsam hinschauen können.

Was Schulen jetzt brauchen

Für die Freiburger Arbeitsgruppe ist klar: Wer rassismuskritischer werden will, braucht Weiterbildung, Information und institutionelle Unterstützung. Offizielle Stellungnahmen allein reichen nicht. Es braucht finanzielle und personelle Mittel, um Personal zu bilden, Interventionen in Schulen zu ermöglichen, pädagogisches Material zu prüfen, Räume und Lernumgebungen rassismuskritisch zu gestalten und partizipative Projekte mit Schülerinnen und Schülern umzusetzen. Auch eine explizite Verankerung in den Lehrplänen wäre wünschenswert. Von éducation21 wünschen sie sich vor allem Sichtbarkeit, Materialien, Vernetzung und Praxisbeispiele aus der Schweiz. Sichtbarkeit sei wichtig, weil sie dem Thema Legitimität verleihe und deutlich mache, dass Rassismus ein Thema ist, das in Schulen bearbeitet werden muss. Ebenso wichtig seien Materialien, die nicht nur aus Frankreich oder Deutschland stammen, sondern auf den Schweizer Kontext Bezug nehmen.

Nächste Schritte: Austausch, Leitfaden, Plattform

Das Netzwerk soll weiterwachsen. Neben der jährlichen Weiterbildung sind regelmässige Treffen zwischen bisherigen und neuen Netzwerkteilnehmenden geplant. Bereits eingerichtet wurde eine elektronische Plattform für Unterlagen und weiteren Austausch.

Aktuell arbeitet die Arbeitsgruppe zudem an einem kantonalen Leitfaden zum Umgang mit Rassismus und rassistischer Diskriminierung für Fachpersonal an Schulen. Er soll in Form einer elektronischen Mindmap auf Deutsch und Französisch erscheinen. In einem zweiten Schritt ist eine vereinfachte Version für Erziehungsberechtigte vorgesehen.

Damit soll das Netzwerk nicht nur innerhalb des Kantons Freiburg wirken, sondern auch Impulse für andere Kantone, Städte und Regionen geben.

Empfehlungen der Freiburger Arbeitsgruppe

Der Rat der Freiburger Arbeitsgruppe an andere Kantone und Regionen ist pragmatisch und ermutigend zugleich: Bestehende Initiativen und Formate nutzen, aber kreativ bleiben. Entscheidend sei, die lokalen Bedürfnisse abzuholen und sich an diesen zu orientieren.
Ein Netzwerk rassismuskritische Schule kann also unterschiedlich aussehen. Es braucht nicht überall dieselbe Form. Aber es braucht Zusammenarbeit, Verbindlichkeit und die Bereitschaft, Rassismusprävention als pädagogische und gesamtschulische Aufgabe zu verstehen.


Ähnliche Netzwerke und Initiativen in der Schweiz

Wir sammeln Informationen über Netzwerke für rassismuskritische Schulen. Ihren Input nehmen wir gerne entgegen: kommunikation@education21.ch

Stadt Bern – Netzwerk Rassismuskritische Schule

Region Aarau – Netzwerk Rassismuskritische Schule

Netzwerk für eine rassismuskritische Schulkultur im Kanton Solothurn

(Weitere Netzwerke sind im Aufbau.)