Rassismuskritische Schule: ein gemeinsamer Lernprozess
27.05.2026
Silvana Werren (links) und Tamasha Bühler (rechts) Bild: zvg
Rassismusprävention muss mehr sein als die Reaktion auf einzelne Vorfälle. Die Pädagogische Hochschule (PH) Bern bietet ein Weiterbildungsangebot zum Thema an. Es kombiniert rassismuskritische Bildung und Schulentwicklung mit dem Ziel, ein gemeinsames Verständnis, eine gemeinsame Sprache und erste Schritte hin zu einer rassismuskritischen Schulkultur zu entwickeln. Im Zentrum steht der gemeinsame Lernprozess.
Die PH Bern bietet mit dem Hol-Angebot «Gemeinsam als Schule auf dem Weg zu einer rassismuskritischen Schulkultur» eine Weiterbildung an, die den gesamtschulischen Blick ins Zentrum stellt. Schulleitungen, Schulbehörden und Kollegien setzen sich darin mit Rassismusmechanismen, strukturellem und institutionellem Rassismus sowie konkreten Handlungsmöglichkeiten für die eigene Schule auseinander.
Tamasha Bühler und Silvana Werren leiten das Weiterbildungsangebot. Für sie ist klar: Eine rassismuskritische Schule entsteht nicht durch einzelne Aktionstage oder symbolische Massnahmen, sondern durch kontinuierliche Reflexion, verbindliche Auseinandersetzung und die Bereitschaft, Unterricht, Zusammenarbeit und institutionelle Abläufe kritisch zu betrachten. Wir haben wichtige Aussagen, Impulse und Tipps der beiden Expertinnen zusammengefasst:
- Rassismusprävention als Thema der ganzen Schule
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Wenn Rassismus als Einzelfall behandelt wird, wird die Verantwortung häufig auf die direkten Beteiligten reduziert – nach dem Motto: «Die Kinder müssen ihren Konflikt selbst lösen.» Eine strukturelle Perspektive fragt hingegen, welche schulischen Routinen, Regeln, Materialien oder Haltungen Ausschlüsse begünstigen. Verantwortung liegt dann nicht mehr nur bei einzelnen Personen, sondern bei der gesamten Schulgemeinschaft: Schulleitung, Lehrpersonen, Schulsozialarbeit, Tagesschule, Verwaltung und auch externe Partnerinnen und Partner tragen gemeinsam Verantwortung.
Erkennen, benennen und handeln
Wenn sich eine Schule als Ganzes mit Rassismus auseinandersetzt, beginnt ein Sensibilisierungsprozess. Dabei geht es zunächst darum, den eigenen Bezug zum Thema und die eigene Verstrickung in gesellschaftliche Machtverhältnisse zu erkennen. Da wir alle in einer rassistisch geprägten Gesellschaft sozialisiert wurden, müssen rassistische Denkmuster zuerst sichtbar gemacht werden, bevor sie verändert werden können. Dafür braucht es Weiterbildungen, die unbewusste Vorurteile thematisieren, sowie Offenheit und eine konstruktive Fehlerkultur im Kollegium, um in einen gemeinsamen Austausch zu ermöglichen und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.Kritische Reflexion von Selektionsprozessen
Auf Ebene der Schulentwicklung bedeutet das beispielsweise, Arbeitsgruppen einzurichten, regelmässige Sensibilisierung und Austauschgefässe im Kollegium zu verankern, um gemeinsam klare Leitlinien gegen Rassismus zu formulieren. Gleichzeitig wird Schulentwicklung dadurch insgesamt inklusiver: Rassismuskritik fliesst etwa in Leitbilder, Personalentwicklung, Elternarbeit und Qualitätsentwicklung ein. Konkret kann das diversere Lehrmittel, mehrsprachige Kommunikation mit Familien oder eine kritischere Reflexion von Selektions- und Übergangsprozessen bedeuten.Langfristig verbessern
Der Umgang mit Rassismus wird damit zu einer zentralen professionellen Kompetenz von Lehrpersonen und Schulleitungen. Sie müssen nicht nur auf offene rassistische Äusserungen reagieren können, sondern auch eigene Vorannahmen reflektieren und institutionelle Strukturen kritisch hinterfragen. Insgesamt bedeutet dieser Perspektivwechsel, dass Schulen Rassismus nicht erst dann thematisieren, wenn ein Vorfall geschieht. Stattdessen verstehen sie ihn als gesellschaftliche Realität, die auch Schule prägt. Dadurch entstehen langfristige Veränderungen in Strukturen, Haltungen und Verantwortlichkeiten – und damit bessere Voraussetzungen für echte Teilhabe und Chancengerechtigkeit. - Rassimuskritische Perspektive auf Haltung und Lehrmittel
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Viele Lehrpersonen und Schulleitungen haben eine positive Haltung zur Vielfalt und zu den Kindern und Jugendlichen in der eigenen Klasse. Die rassismuskritische Haltung geht jedoch davon aus, dass es keine rassismusfreien Räume gibt – wie es auch keine klassismusfreien Räume gibt. Als Lehrpersonen sind wir uns oft nicht bewusst, dass wir Rassismus (unbewusst) strukturell reproduzieren können.
Rassismuskritische Haltung einnehmen
Eine rassismuskritische Haltung einzunehmen, heisst, Rassismus als Strukturierungsmerkmal – und nicht nur als individuelles Problem – auch im schulischen Kontext mitzudenken. Bei anderen Themen geschieht dies bereits, etwa bei Mobbing, Sexismus, Ableismus oder Gewaltprävention. Rassismuskritisch denken heisst nicht, «sich als rassistisch zu ertappen», sondern die Reproduktion von stereotypisierten gesellschaftlichen Bildern im eigenen Umfeld aus einem kritischen Blickwinkel zu betrachten. Wir können uns alle (auch als Lehrpersonen und Schulleitende) darin stärken, (strukturelle) Mechanismen zu erkennen und professionell sowie konstruktiv mit ihnen umzugehen.Wenn «Kultur» zur Erklärung wird
Als Lehrpersonen und Schulleitende können wir uns unbeabsichtigt in einer Kulturalisierungsfalle befinden, zum Beispiel wenn Kinder als «Expertinnen / Experten» für die Herkunftsländer ihrer Eltern adressiert werden. Was gut gemeint ist, kann zur Ausgrenzung führen. Eigentlich haben wir uns von der Ausländerpädagogik verabschiedet, weil dieser Ansatz defizitorientiert und mit Assimilationsdruck verknüpft war. Im Kontext der Pädagogik der Vielfalt und in gewissen Interaktionen mit Kindern oder Eltern taucht der Begriff «Kultur» als Erklärungsmuster für bestimmte Verhaltensweisen dennoch wieder auf. Kulturprobleme werden immer noch als erster Aspekt erwähnt, wenn problematische Praxissituationen etwa in der Elternzusammenarbeit oder Diagnostik beschrieben werden.Wenn der Kulturbegriff nicht in seiner Vielschichtigkeit, Komplexität, Hybridität und Intersektionalität – also auch in Verbindung mit Machtverhältnissen – betrachtet wird, kann Kulturalisierung zur Rassifizierung und zu Ausgrenzungen führen. Für Lehrpersonen bedeutet das, klar zu erkennen, wann kulturelle Identifikation wertschätzend und wann sie diskriminierend sein kann.
Lehrmittel rassismuskritisch betrachten
Auch Lehrmittel spielen eine wichtige Rolle. Sie sind Träger von kulturellem Wissen. Repräsentationen darin zeigen, was gesellschaftlich akzeptiert ist, was als wichtig und bedeutend erachtet wird und was nicht. Sie spiegeln gesellschaftliche Verhältnisse und machen Gruppen und Unterschiede sichtbar. Gleichzeitig können sie gesellschaftlich vorherrschende Wissensbestände und damit problematische Wissens- und Machtordnungen reproduzieren.Einige Schulbücher weisen heute noch stereotypisierte Bilder auf und zeigen Leitdifferenzen wie Eigenes/ Fremdes, Vertrautes/Unvertrautes oder Zivilisiertes/Unzivilisiertes aus einer eurozentrischen Sichtweise. Diese Konstruktion des Anderen stellt die heutige Gesellschaft falsch dar und ist für viele Menschen diskriminierend. Umso wichtiger ist es, Lehrmittel mit einer Sensibilität für Diversität und Diskriminierung zu betrachten. Diversitätskompetenzen im Umgang mit Lehrmitteln können trainiert werden. Die PHBern bietet dazu den Kurs «Rassismus in Lernmaterialien erkennen und wirksam handeln» an, in dem die diskriminierungskritische und rassismuskritische Analyse von Lehr- und Lernmaterialien im Fokus steht.
- Erste Schritte zur rassismuskritischen Schule
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Rassismus ist an vielen Schulen nach wie vor ein Tabuthema. Häufig verunsichert bereits der Begriff selbst viele Lehrpersonen, Schulleitende und Mitarbeitende. Deshalb besteht ein erster realistischer Schritt darin, das Thema zu enttabuisieren. Bevor Schulen grosse Massnahmen entwickeln oder sichtbare Projekte lancieren, braucht es vertrauliche Räume für eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst, mit den eigenen Wertvorstellungen, blinden Flecken und gesellschaftlichen Verstrickungen und Internalisierungen. Dabei zeigt sich oft, dass die Angst, etwas Falsches zu sagen, stark im Vordergrund steht. Aus Sorge, moralisch verurteilt oder als «schlechter Mensch» abgestempelt zu werden, entscheiden sich viele eher dafür zu schweigen – und genau diese Schweigespirale trägt dazu bei, dass Rassismus unsichtbar bleibt.
Erster Schritt: Unsicherheiten ansprechen, wertfreie Gespräche ermöglichen
Ein erster Schritt muss daher darin bestehen, Unsicherheiten ansprechbar zu machen und Gespräche zu ermöglichen, ohne sofort mit Schuldzuweisungen zu arbeiten. Gleichzeitig darf es nicht bei dieser Reflexion bleiben.Zweiter Schritt: Gezielte Weiterbildung für gemeinsamen Wissenstand und gemeinsames Verständnis
Im nächsten Schritt braucht es gezielte Weiterbildungen, damit innerhalb der Schule ein gemeinsames Grundverständnis darüber entsteht, was unter Rassismus verstanden wird, wie er sich im Schulalltag zeigt und welche Handlungsmöglichkeiten daraus folgen. Ein gemeinsamer Wissensstand kann dazu beitragen, Unsicherheiten abzubauen und eine Grundlage für langfristige Veränderungen in der Schulpraxis zu schaffen.Dritter Schritt: Ziele setzten, Massnahmen definieren und überprüfen
Darauf aufbauend können konkrete und realistische kurz-, mittel- und langfristige Ziele definiert werden: rassistische Äusserungen im Unterricht konsequent ansprechen, Unterrichtsmaterialien auf stereotype Darstellungen überprüfen oder diskriminierungssensible Kommunikation mit Eltern stärker in den Blick nehmen. Entscheidend ist, dass diese Massnahmen überschaubar bleiben und gleichzeitig verbindlich umgesetzt werden.Vierter Schritt: Rassismuskritische Schulentwicklung ist eine fortlaufende Aufgabe
Ebenso wichtig ist, betroffene Schülerinnen und Schüler nicht in die Rolle der Aufklärenden zu drängen, indem von ihnen erwartet wird, persönliche Rassismuserfahrungen offenzulegen. Die Verantwortung für Veränderung liegt bei den Erwachsenen und den schulischen Strukturen. Rassismuskritische Schulentwicklung darf dabei nicht als zeitlich begrenztes Projekt verstanden werden, das irgendwann abgeschlossen ist. Vielmehr ist sie eine fortlaufende Haltungsfrage, die kontinuierliche Reflexion, Lernbereitschaft und die Bereitschaft zur Veränderung erfordert. Eine rassismuskritische Schule entsteht nicht durch einzelne Aktionstage oder Konzepte auf dem Papier, sondern durch eine langfristige, verbindliche Auseinandersetzung mit Haltung, Praxis und Strukturen.